Il Carnevale di Venezia.

Der erste Eindruck ist natürlich, vor allem beim ersten Besuch, dass sich schier unmögliche Menschenmassen in Venedig aufhalten. Kein Wunder, dass die Stadt versinkt.

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Dieser Karneval zelebriert eigentlich vornehmlich die Maske. Sonst gibt es kaum etwas: keine Musik, keine Speisen und Getränke auf den Plätzen und in den Gassen. Ich meine, das kennen wir ja von hiesigen Veranstaltungen, auch außerhalb der Fasnacht, sei es ein Volksfest, Kirtag, oder auch ein Mittelaltermarkt: überall Fressbuden, dazwischen Müllkübel und Dixiklos. An jeder Ecke, oder vorzugsweise auf dafür vorgesehenen Bühnen wird Musik gespielt. Es gibt farbenprächtige, laute Umzüge.

Nicht so in Venedig. Zumindest nicht am Tag, vielleicht kommen die ja erst am Abend in Schwung, wenn die Touristenbusse schon weg sind. Aber: habe ich nicht gesehen, kann daher auch nicht darüber berichten.

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Wobei, nur damit das klar ist: eine Maske ist nicht nur jenes das Gesicht verdeckende Teil, sondern die Gesamtkomposition. Und diese kann auch mehr als eine Person umfassen.

Grundsätzlich stammen diese ja nicht (wie von hiesigen Masken oftmals behauptet wird) aus grauer Vorzeit und haben überhaupt nichts mit archaischen Fruchtbarkeitszaubern zu tun, denn es wird beim Betrachten sofort klar, dass sie ihren Ursprung im Barock haben. Vieles ist an barocke Kleidung angelehnt, auch das Maskieren war damals sehr beliebt, die meisten Bälle waren wohl Maskenbälle. Nicht, weil die Leute so häßlich gewesen wären, dass sie sich mit einer ebenmäßigen Maske hätten verschönern müssen. Nein, unerkannt kann man leichter Blödsinn machen, kann frivol sein.

Fri…was? Frivol bedeutet so viel wie leichtsinnig, bedenkenlos, erklärt uns der Duden(1).

Auch Casanova liebte die Maskerade, um sich an Frauen heran zu machen.

In Venedig verkleidet man sich vorwiegend traditionell. Also mit barocken Kostümen, je aufgebrezelter, desto besser. Nur ganz vereinzelt liefen Menschen herum, die Bösewichten aus Star Wars huldigten, oder Juxkostüme.

Ja, so juxig, so hetzig war es eigentlich auch gar nicht. Ich habe sogar einen Blogbeitrag gefunden von jemandem, der meinte, »Carnival in Venice is lame«, vor allem wegen der von mir oben bereits erwähnten fehlenden Musik und Verpflegung. Dadurch, muss man aber auch sagen, liefen keine Betrunkenen herum, die herumpöbelten. Oder, stell dir vor, du hast das ganze Jahr an einem Kostüm getüftelt, gebastelt und geklöppelt, und dann speibt dir so einer drauf oder latscht dir auf den Saum, und du stehst plötzlich im Freien!

Also keine Faschingskostüme wie in Österreich oder Deutschland, keine Schlümpfe, Wickies und Biene Majas, Nonnen und Mönche , Wonderwomen und Supermänner.

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Klassische Kostüme. Samt und Seide, Perlen und sonstige Stickereien. Und die Farben: viel weiß und schwarz, aber auch knallig rot, blau oder gelb.
Masken, die Menschen aus Barock und Rokoko darstellen, und von vielen hatte ich den Eindruck, diese hätten überhaupt keine Probleme, würden sie plötzlich auf eine Temporalspalte treten und sich vor 300 Jahren wiederfinden. Sie könnten ganz ohne Probleme beim nächsten Ball reinspazieren.

Die Masken sind aber nicht richtig vergleichbar mit unseren Schellern und Rollern, Mullern und so weiter, die sich zwar auch an barocke Kostüme anlehnen, aber weniger an jene der Oberschicht, sondern eher die verzerrte Darstellung der Commedia dell’Arte nachahmen, also wieder die karikierte, überzeichnete Form des fahrenden Theatervolkes. Wobei, knallige Farben waren damals wohl kein Problem, nicht so wie heute, wo selbst die aufgebrezelten Menschen auf Bällen eher langweilig wirken – viel zu wenig Glitter und Tand, laue Farben, keine Streifen oder Karos in grellem Kontrast. Keine aufregenden Frisuren.

Apropos Commedia dell’Arte: ich konnte sogar eine Vorstellung von einer Theatertruppe auf dem Markusplatz miterleben, ein Stück mit einer wohl klassischen Handlung für die derb bespaßten Stücke jener Zeit wurde aufgeführt, nachdem die tägliche Kostünprämierungs-Show vorbei war. Also, der Capitano liebt eine Frau, deren Namen ich vergessen haben, und der Arlecchino die Romanella, aber der Capitano glaubt, seine Geliebte heißt Romanella, und die Richtige ist sauer, oder so ähnlich. Ich gebe zu, mein Italienisch ist nicht so toll, und die haben noch dazu noch schneller geredet als Italienerinnen es üblicherweise tun, und der Arlecchino hat auch noch alles durcheinander gebracht, aber am Schluß gibts jedenfalls ein Happy End.

Was ich auch unbedingt noch herzeigen will, sind die Masken, die sich aus der Natur oder eigentlich der klassischen Mythologie bedienen: Hörner, halbe Bäume, Schuppen und Fell kamen ebenfalls zum Einsatz: von Dryaden mit Cernunnos, Nymphen, Nereiden, Poseidon und so weiter, und jene, die Anleihen aus der Geschichte nahmen: alle möglichen fiktiven Herrschergeschlechter, also Königinnenfamilien, Pharaoninnen, Kriegerinnen aus allen möglichen Epochen, usw. waren auch zu sehen.

Also, der Phantasie in der Kreation eigener Figuren, aber auch und vor allem bei der Interpretation der klassischen Masken ist eigentlich keine Grenze gesetzt.

 

 

  1. http://www.duden.de/rechtschreibung/frivol

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