Die Vision

Fremdenführerinnen sind vieles.

Sie sind1 die Visitenkarte einer Region, einer Stadt oder eines Ortes. Denn sie präsentieren nicht nur, sondern repräsentieren.2

Sie sind Kulturvermittlerinnen. Sie vermitteln also Kultur. Was aber ist Kultur?

Die Unesco formuliert dies in der Mexico City Declaration on Cultural Policies World Conference on Cultural Policies Mexico City, 26 July – 6 August 1982 so:

„In its widest sense, culture may now be said to be the whole complex of distinctive spiritual, material, intellectual and emotional features that characterize a society or social group. It includes not only the arts and letters, but also modes of life, the fundamental rights of the human being, value systems, traditions and belief.“

Deutlicher wird dies in einem Schema von Prof. Hubertus Busche (Quelle: Iablis 2004):

  1. Kultur, die man betreibt: die Pflege, Veredelung und Vervollkommnung (Kultivierung) individueller Naturanlagen, z.B. der Fähigkeiten des Lesens, Schreibens oder analytisch-­kritischen Denkens = klassischer Kulturbegriff seit Ciceros ›cultura animi‹
  2. Kultur, die man erworben hat: der gepflegte, veredelte und vervollkommnete Zustand (die Kultiviertheit) von Fähigkeiten und Fertigkeiten, z.B. kultivierter Geschmack, kultivierte Sprache oder kultivierte Urteilsfähigkeit
  3. Kultur, in der man lebt: der charakteristische Traditionszusammenhang von Institutionen, Lebens­ und Geistesformen, durch den sich Völker und Epochen voneinander unterscheiden,
    z.B. die ›altägyptische Kultur‹ oder spezieller die ›höfische Kultur des Barock‹ = historischer Kulturbegriff seit J. G. Herder
  4. Kultur, die man schaffen, fördern und als (nationalen) Besitz verehren kann: die höhere Sphäre der Werte und Werke in Kunst, Literatur, Wissenschaft und Philosophie, z.B. ›Vertreter aus Politik und Kultur‹, ›Kulturführer‹, ›Kulturatlas‹

Daraus leitet sich für mich der Anspruch ab, bei der Vermittlung dieser Kultur mitzuwirken. Die erste und zweite Form sollte ja hoffentlich von den Gästen mitgebracht werden, daher sind es hauptsächlich die Bereiche 3 und 4, die von den Fremdenführerinnen vermittelt werden sollten.

Bei Kultur3 liegt die Herausforderung vor allem darin, dass die Gäste unter Umständen aus einem völlig anderen »Kulturkreis«, also Traditionszusammenhang, stammen und vielleicht mit dem »Tirolerischen« oder »Österreichischen« so gar nichts anzufangen wissen.

Kultur4 hat meiner Meinung nach einen ganz anderen Vermittlungs-Schwerpunkt: hier gilt es nämlich heute im Gegensatz zu früheren Jahrzehnten, die Berechtigung dieses »Kulturbesitzes«, der »Kultur als Wirtschaftsfaktor« zu hinterfragen.

All dies sind die Herausforderungen an Fremdenführerinnen, so wie ich sie sehe: als Vertreterinnen einer praktischen Arbeit mit Geschichte, Kunstgeschichte, Ethnologie,3 ganz allgemein: mit Kultur.

1 neben Anderen, wie etwa Hotels, Transportunternehmen, usw.

2 siehe auch den Beitrag »Fremdenführer« hier.

3 vulgo Volkskunde

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